Zuletzt aktualisiert am 11. Juni 2026
Das Wichtigste in Kürze
- Das Karlsruher Filmtheater Schauburg verband seine rund zweiwöchige Renovierungsschließung Ende Mai 2026 mit einer „Last Picture Show“, bei der die Gäste die 150 ausgetauschten Kinostühle des mittleren Saals mit nach Hause nehmen durften.
- Wer Gäste ihren Sitz selbst abschrauben lässt, spart Entsorgungskosten, verlängert die Nutzungsdauer noch funktionsfähiger Möbel und erzeugt zusätzliche Reichweite, weil Besucherinnen und Besucher ihre neuen Stühle freiwillig in den sozialen Medien zeigen.
- „Tage der offenen Baustelle“ werden bei Großprojekten wie Stuttgart 21 oder der Karlsruher Stadtbahn eingesetzt, um Anwohnende einzubinden und Akzeptanz für Baulärm, Umleitungen und jahrelange Einschränkungen zu schaffen.
- Der gemeinsame Nenner solcher Veranstaltungen ist, dass ein unvermeidbares Ereignis wie eine Schließung, ein Umbau oder ein Standortwechsel nicht nur kommuniziert, sondern in ein Erlebnis mit konkretem Nutzen für die Gäste übersetzt wird.
- Aus einer schwierigen Situation ein Event zu machen gelingt dann, wenn die Beteiligten einen echten Mehrwert mitnehmen, der Anlass ehrlich benannt wird und Aufwand, Sicherheit sowie Genehmigungen vorab geklärt sind.
Aus der Not eine Tugend machen ist im Veranstaltungsbereich mehr als eine Redensart. Es ist eine konkrete Methode, mit der aus einer Schließung, einem Umbau oder einer Baustelle ein Anlass wird, an den sich Gäste gern erinnern. Die meisten Unternehmen behandeln solche Ereignisse als reine Pflichtmitteilung. Dabei steckt in genau diesen Momenten oft das stärkere Event als in jeder geplanten Routineveranstaltung.
Zwei Beispiele zeigen, wie das funktioniert.
Die „Last Picture Show“ der Schauburg
Das Karlsruher Filmtheater Schauburg, ein Traditionshaus mit drei Kinosälen, schließt Ende Mai 2026 für gut zwei Wochen. Der Grund sind dringend erforderliche Renovierungsmaßnahmen. Der Zeitpunkt ist bewusst gewählt: Die Herbst-Winter-Saison lief erfolgreich, über Pfingsten gab es noch ein Technicolor-Filmfestival, und die Open-Air-Sommerkino-Saison beginnt erst danach.
Das Stammpublikum ist gewohnt, dass die Schauburg bis auf den 24. und den 31. Dezember immer geöffnet hat. Eine Schließung muss also klar kommuniziert werden. Genau hier hat das Haus weitergedacht.
Im mittleren Saal werden alle 150 Stühle erneuert. Statt die noch gut erhaltenen Sitze zu entsorgen, lud die Schauburg ihre Gäste zur „Last Picture Show“. Nach einer einstündigen Trailershow zu den kommenden Filmproduktionen durfte jeder Gast seinen Kinostuhl mit nach Hause nehmen. Die einzige Bedingung: einen 13er-Schraubenschlüssel mitbringen.
Das Ergebnis war eine Veranstaltung, bei der es nur Gewinner gab.
Dass nicht das Budget, sondern der Blickwinkel über die Wirkung eines Moments entscheidet, zeigt auch dieses Beispiel vom Papstbesuch in Barcelona: Perspektivwechsel bei Events: Was ein blindes Mädchen an der Sagrada Família über starke Eventmomente lehrt.
Warum dieses Event in jeder Hinsicht aufging
Das Prinzip dahinter lohnt einen genaueren Blick, denn es lässt sich auf viele andere Situationen übertragen.
Nachhaltigkeit statt Entsorgung. Die Stühle wurden einer weiteren Nutzung zugeführt, statt auf dem Wertstoffhof zu landen. Das Kino sparte die sonst fälligen Entsorgungskosten und handelte nachweisbar ressourcenschonend. Nachhaltigkeit ist dabei keine Behauptung, sondern ein sichtbarer Teil des Ablaufs.
Ein echter Mehrwert für die Gäste. Wer mit einem Original-Kinostuhl nach Hause geht, erhält ein Erinnerungsstück, das man nicht kaufen kann. Der Stuhl ist nicht das Werbegeschenk am Rand, sondern der Kern des Erlebnisses.
Inhalt, der bindet. Die vorgeschaltete Trailershow lieferte Insidertipps zu anstehenden Specialevents im Kino. Die Gäste verließen das Haus also nicht nur mit einem Stuhl, sondern mit einem Grund, wiederzukommen.
Reichweite, die von allein entsteht. Die Medien berichteten über die Aktion, und mehrere Besucherinnen und Besucher posteten Fotos der neuen Standorte ihrer adoptierten Kinostühle. Diese Bilder sind glaubwürdiger als jede Anzeige, weil sie von den Gästen selbst stammen.
Für die Schauburg war das nicht nur ein werblicher Mehrwert, sondern eine nachhaltige Imageprofilierung. Eine notwendige Schließung wurde so zum Anlass, die Bindung zum Publikum zu stärken.
Wer den Punkt Nachhaltigkeit nicht als Zusatz, sondern als festen Bestandteil der Planung verstehen will, findet hier die Grundlagen: Nachhaltigkeit im Eventprozess: Warum sie Struktur und kein Zusatz ist.
Baustellenevents: aus Belastung wird Beteiligung
Das zweite Beispiel verschiebt die Perspektive vom einzelnen Betrieb auf Großprojekte. Ob Stuttgart 21 oder die Karlsruher Stadtbahn: Solche Vorhaben bringen über Jahre Belastungen mit sich. Baulärm, gesperrte und umgeleitete Wege, Konflikte mit Anwohnenden und Gewerbetreibenden gehören dazu.
Genau deshalb etablieren sich „Tage der offenen Baustelle“ immer stärker. Sie lassen Interessierte an der Entwicklung des Projekts teilhaben. Aus passivem Ertragen wird aktive Teilhabe. Wer die Fortschritte mit eigenen Augen sieht und Fragen stellen kann, entwickelt eher Verständnis für die Einschränkungen. So entsteht Akzeptanz, die sich mit klassischer Pressearbeit allein kaum erreichen lässt.
Das Muster ist dasselbe wie bei der Schauburg: Ein an sich unangenehmer Umstand wird zum Anlass für Begegnung und Information.
Fünf weitere Situationen, aus denen ein Event werden kann
Die beiden Beispiele sind kein Sonderfall. Fast jeder Betrieb und jedes Engagement kennt Momente, die zunächst als Problem erscheinen. Mit etwas Querdenken wird daraus ein Anlass. Fünf Ansätze zum Übertragen auf die eigene Situation:
1. Ladenschließung oder Standortwechsel. Ein Geschäft, das umzieht oder schließt, kann den letzten Tag am alten Ort zum Fest machen. Das Inventar an Stammkundschaft abzugeben funktioniert nach derselben Logik wie der Kinostuhl: Die Gäste nehmen etwas Persönliches mit, der Betrieb spart Räumungs- und Entsorgungsaufwand.
2. Renovierung in der Gastronomie oder Hotellerie. Wer ohnehin umbaut, kann ein „Dinner im Rohbau“ oder eine Vorher-nachher-Vorstellung daraus machen. Gäste, die den Umbau miterleben, fühlen sich nach der Wiedereröffnung stärker verbunden als jene, die nur ein fertiges Ergebnis sehen.
3. Austausch einer Maschine oder Anlage in der Produktion. Wird eine alte Anlage stillgelegt, lässt sich ein „Abschied“ für die Belegschaft und ausgewählte Kundschaft gestalten. Das verbindet die Mitarbeitenden mit der Firmengeschichte und macht einen technischen Vorgang zu einem gemeinsamen Moment.
4. Abriss oder Rückbau eines Gebäudes. Bevor ein vertrautes Gebäude verschwindet, kann ein letzter Rundgang stattfinden. Ziegel, Schilder oder andere Fundstücke als Erinnerungsstücke abzugeben, greift erneut das Prinzip der Schauburg auf.
5. Ungeplante Störung während eines Events. Auch eine höhere Gewalt lässt sich umdeuten. Fällt der Strom aus, wird das spontane Dinner bei Kerzenlicht zur Geschichte, die in Erinnerung bleibt. Wer die Notlösung selbstbewusst zum Programmpunkt erklärt, nimmt ihr die Peinlichkeit.
Allen Beispielen liegt dieselbe Frage zugrunde: Welches ohnehin anstehende, vermeintlich unliebsame Ereignis lässt sich so gestalten, dass Gäste etwas davon haben?
Wie Sie selbst auf solche Ideen kommen
Die Methode lässt sich auf drei Prüffragen verdichten:
Was passiert ohnehin? Schließungen, Umbauten, Umzüge, Materialwechsel oder Jubiläen in schwierigen Zeiten stehen oft schon fest. Der Anlass muss nicht erfunden werden, er ist bereits da.
Was entsteht dabei, das einen Wert hat? Möbel, Bauteile, ein seltener Einblick, ein letzter Moment an einem vertrauten Ort. Was sonst entsorgt oder stillschweigend abgewickelt wird, kann für andere ein Erinnerungsstück oder Erlebnis sein.
Wer hat ein Interesse daran? Stammkundschaft, Belegschaft, Anwohnende, Medien. Wer den Kreis der Interessierten kennt, kennt auch die Gästeliste.
Wenn diese drei Fragen eine Antwort haben, steht das Konzept im Kern bereits. Der Unterschied zwischen einer guten Idee und einem guten Konzept liegt darin, das Ziel sauber zu definieren. Wie sich ein konkretes Eventziel von einem bloßen Wunsch unterscheidet, lesen Sie hier: Eventziele definieren: Was ein konkretes Ziel von einem Wunsch unterscheidet.
Was solche Events trotzdem brauchen
So charmant die Idee ist, sie ersetzt keine Planung. Im Gegenteil: Gerade weil aus einem Problem ein Event wird, müssen einige Punkte vorab geklärt sein.
Der Anlass sollte ehrlich benannt werden. Eine Renovierung als solche zu kommunizieren wirkt glaubwürdiger als der Versuch, sie zu verstecken. Die Sicherheit ist zu prüfen, sobald Gäste in einer Umbausituation oder auf einer Baustelle unterwegs sind. Je nach Gästezahl und Ort sind Genehmigungen erforderlich. Und es braucht Personen, die vor Ort verantwortlich sind, etwa wenn 150 Gäste gleichzeitig Stühle abschrauben. Aus diesem Grunde hatte die Schauburg z.B. handwerklich begabte Mitarbeiter beim Event mit eingebunden, welche die Gäste beim Ausbau unterstützt haben.
Nicht jedes Problem sollte ein Event werden. Aber deutlich mehr Situationen, als die meisten vermuten, tragen ein gutes Event in sich.
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Berater und Mentor für Events und Jubiläen. 25 Jahre Praxis im Veranstaltungsbereich.