Zuletzt aktualisiert am 16. Juli 2026
Das Wichtigste in Kürze
- Bei einer typischen Tagung entfallen laut den Klimarechner-Anbietern Atmosfair, CO2OL und Klimaktiv mehr als zwei Drittel der CO2-Emissionen auf die An- und Abreise der Teilnehmenden und nicht auf die Veranstaltung selbst.
- Eine Untersuchung der Hochschule Worms hat mehrere gängige Klimarechner mit identischen Daten einer Beispielveranstaltung gefüttert und dabei Abweichungen von bis zu 40 Prozent bei den errechneten Gesamtemissionen festgestellt.
- Beim größten Einzelposten, der Mobilität, lagen die Ergebnisse der getesteten Rechner für dieselbe Veranstaltung teils fast doppelt so hoch auseinander, weil jeder Anbieter Flugreisen unterschiedlich gewichtet.
- Das Umweltbundesamt stellt über die KlimAktiv GmbH einen kostenlosen CO2-Rechner für Veranstaltungen sowie einen Leitfaden mit zwölf Handlungsfeldern von Mobilität bis Abfallmanagement bereit.
- Am Pegel Maxau bei Karlsruhe wurde am 8. Juli 2026 mit 363 Zentimetern der niedrigste Rheinwasserstand seit Beginn der Messungen im Jahr 1991 für dieses Kalenderdatum registriert.
Der Rhein bei Karlsruhe führt gerade so wenig Wasser wie noch nie zu dieser Jahreszeit seit Messbeginn 1991. Das ist keine abstrakte Klimastatistik, sondern ein Fluss, an dem ich seit Jahren vorbeifahre und der plötzlich Kiesbänke zeigt, die ich vorher nicht kannte. Nach der Hitzewelle und den Sturmrisiken, über die ich in den letzten Wochen geschrieben habe, drängt sich deshalb eine andere Frage auf: Was trägt die eigene Veranstaltung eigentlich zu all dem bei?
Diese Frage führt fast automatisch zur CO2-Bilanzierung. Und genau hier wird es interessanter, als die meisten Ratgeber vermuten lassen. Denn die eigentliche Schwierigkeit liegt nicht darin, ob man bilanzieren soll. Sie liegt darin, dass zwei Berater mit denselben Veranstaltungsdaten zu spürbar unterschiedlichen Ergebnissen kommen können.
Was eine CO2-Bilanz bei Events überhaupt leistet
Eine CO2-Bilanz, auch Carbon Footprint genannt, ist die systematische Aufrechnung aller Treibhausgase, die durch eine Veranstaltung und ihre Dienstleister entstehen. Ziel ist üblicherweise ein dreistufiges Vorgehen: zuerst vermeiden, was sich vermeiden lässt, dann reduzieren, was übrig bleibt, und erst zuletzt kompensieren, was sich nicht weiter senken lässt.
Der Wert der Bilanz liegt weniger in der einen finalen Zahl als in der Struktur, die sie erzwingt. Wer bilanziert, muss zwangsläufig Anreise, Location, Catering, Energie und Abfall einzeln betrachten. Genau diese Aufschlüsselung zeigt, wo sich Aufwand lohnt und wo nicht.
Der eigentliche Hebel liegt in der Anreise
Bevor man sich in Details verliert, lohnt der Blick auf die Größenordnungen. Bei den meisten Präsenzveranstaltungen entfällt der weitaus größte Teil der Emissionen auf die Mobilität der Teilnehmenden, nicht auf die Veranstaltung selbst. Übernachtung, Catering, Energie und Abfall folgen mit deutlichem Abstand.
Das ist praktisch, weil es die Prioritäten klärt. Ein Event mit überwiegend regionalem Publikum und guter ÖPNV-Anbindung startet klimatisch in einer völlig anderen Liga als ein bundesweiter Kongress mit Flugreisenden. Wer seine Bilanz verbessern will, sollte deshalb zuerst beim Anreiseprofil ansetzen, bevor er sich um die Kaffeetassen kümmert.
Im Rahmen der Event-Beratung ist das oft der erste Punkt, an dem sich mit überschaubarem Aufwand echte Wirkung erzielen lässt, etwa durch die Wahl der Location, die Ansprache im Einladungsprozess oder ein einfaches Mobilitätskonzept.
Das Problem mit den Rechnern
Damit zur unbequemen Seite des Themas. Eine Untersuchung der Hochschule Worms hat mehrere bekannte Klimarechner, darunter Atmosfair, CO2OL und Klimaktiv, mit identischen Daten einer detailliert geplanten Beispielveranstaltung gefüttert, einer zweitägigen Tagung mit 200 Teilnehmenden. Das Ergebnis: Die errechneten Gesamtemissionen wichen um bis zu 40 Prozent voneinander ab.
Noch deutlicher wurde die Unsicherheit ausgerechnet beim größten Posten, der Mobilität. Ein Anbieter kam auf rund 17 Tonnen CO2-Äquivalent, andere auf beinahe das Doppelte, vor allem wegen unterschiedlicher Bewertung von Flugreisen. Auch beim Catering und bei den Übernachtungen zeigten sich erhebliche Unterschiede, während sich die Werte für Location und Drucksachen weitgehend deckten.
Der Grund ist ernüchternd einfach: Es gibt bislang keine einheitliche, verbindliche Formel für die CO2-Bilanz einer Veranstaltung. Jeder Anbieter wählt seine Emissionsfaktoren im Rahmen anerkannter Standards selbst, und diese Wahl hat spürbare Folgen für das Ergebnis.
Was das für Ihre Praxis bedeutet
Aus diesem Befund lässt sich leicht ein falscher Schluss ziehen, nämlich dass Bilanzierung sinnlos sei, wenn ohnehin jeder Rechner etwas anderes ausspuckt. Das greift zu kurz. Bemerkenswert an der Wormser Studie ist nämlich auch, dass die Rangfolge der Emissionsquellen bei nahezu allen Anbietern gleich ausfiel: Mobilität vor Übernachtung, Übernachtung vor Catering, Catering vor Location und Abfall.
Für die Praxis heißt das: Verlassen Sie sich nicht auf die dritte Nachkommastelle, sondern auf die Reihenfolge der Hebel. Eine CO2-Bilanz muss nicht wissenschaftlich wasserdicht sein, um nützlich zu sein. Sie muss brauchbar genug sein, um zu zeigen, wo Maßnahmen den größten Unterschied machen, und sie sollte über mehrere Veranstaltungen hinweg mit demselben Werkzeug erhoben werden, damit Vergleiche überhaupt Sinn ergeben.
Wer intern oder gegenüber Stakeholdern Zahlen vorlegen muss, sollte diese Unsicherheit offen benennen, statt eine falsche Genauigkeit vorzutäuschen. Eine transparente Bilanz mit klar benanntem Rechner und Methodik ist glaubwürdiger als eine perfekt wirkende Zahl ohne Herkunftsangabe.
Kostenlose Werkzeuge für den Einstieg
Für den praktischen Einstieg muss man nicht bei null anfangen. Das Umweltbundesamt stellt gemeinsam mit der KlimAktiv GmbH einen kostenlosen CO2-Rechner für Veranstaltungen bereit, mit dem sich der Fußabdruck einer Veranstaltung in wenigen Schritten grob abschätzen lässt.
Ergänzend dazu hat das Bundesumweltministerium gemeinsam mit dem Umweltbundesamt den Leitfaden für die nachhaltige Organisation von Veranstaltungen veröffentlicht, in der vierten überarbeiteten Auflage inzwischen mit rund 100 Seiten. Er behandelt zwölf Handlungsfelder, von Mobilität und Location über Catering und Abfallmanagement bis zu Barrierefreiheit und Gender-Mainstreaming, und richtet sich zwar primär an Behörden, lässt sich aber ohne Weiteres auf Firmenevents übertragen.
Beide Angebote ersetzen keine individuelle Beratung, liefern aber eine solide, kostenlose Grundlage, um mit der Bilanzierung überhaupt zu beginnen.
Dass Nachhaltigkeit dabei kein nachträgliches Siegel ist, sondern eine frühe Strukturentscheidung, habe ich in diesem Beitrag beschrieben. Und wie eng Klimafolgen und Veranstaltungsplanung inzwischen zusammenhängen, zeigt auch dieser Beitrag zu Sturm- und Hitzerisiken bei Events.
Häufige Fragen zur CO2-Bilanzierung bei Events
Was bedeutet CO2-Bilanzierung bei einer Veranstaltung?
Eine CO2-Bilanz erfasst systematisch alle Treibhausgasemissionen, die durch eine Veranstaltung und ihre Dienstleister entstehen, üblicherweise aufgeteilt nach Mobilität, Übernachtung, Catering, Location, Energie und Abfall.
Welcher Faktor verursacht bei Events die meisten Emissionen?
In den allermeisten Fällen ist es die An- und Abreise der Teilnehmenden. Bei vielen Veranstaltungen entfällt der größte Teil der Gesamtemissionen auf diesen Posten, noch vor Übernachtung und Catering.
Wie zuverlässig sind Online-CO2-Rechner für Veranstaltungen?
Nur bedingt vergleichbar. Eine Untersuchung der Hochschule Worms zeigte bei identischen Veranstaltungsdaten Abweichungen von bis zu 40 Prozent zwischen verschiedenen Rechnern, weil es keine einheitliche Berechnungsformel gibt. Die Rangfolge der Emissionsquellen fiel bei den getesteten Anbietern allerdings ähnlich aus.
Wo finde ich einen kostenlosen CO2-Rechner für Veranstaltungen?
Das Umweltbundesamt bietet über die KlimAktiv GmbH einen kostenlosen Veranstaltungsrechner an. Ergänzend liefert der Leitfaden für die nachhaltige Organisation von Veranstaltungen konkrete Handlungsempfehlungen für zwölf Bereiche der Eventplanung.
Muss man auf eine genaue CO2-Bilanz warten, bevor man Maßnahmen ergreift?
Nein. Die größten Hebel, allen voran das Anreiseprofil, lassen sich bereits mit groben Schätzungen identifizieren. Eine exakte Zahl ist für die Priorisierung von Maßnahmen weniger entscheidend als eine konsistente Methodik über mehrere Veranstaltungen hinweg.
Fazit
Die CO2-Bilanz einer Veranstaltung ist kein objektives Naturgesetz, sondern das Ergebnis der gewählten Methodik. Wer das akzeptiert, verliert nicht den Nutzen der Bilanzierung, sondern gewinnt einen realistischeren Umgang damit. Wichtiger als die dritte Nachkommastelle ist die Reihenfolge der Hebel, und die zeigt bei nahezu jedem Rechner in dieselbe Richtung: zuerst die Anreise, dann alles andere.
Wenn Sie einordnen möchten, wo Ihre Veranstaltung in dieser Reihenfolge steht und welche Maßnahmen sich für Ihr konkretes Format wirklich lohnen, unterstütze ich Sie dabei, das strukturiert anzugehen. Zur Event-Beratung | Zum Planungs-Check
Berater und Mentor für Events und Jubiläen. 25 Jahre Praxis im Veranstaltungsbereich.